Kaltes Klares Wasser

Wenn immer von der schlechten Infrastruktur im Osten die Rede ist, dann denken die meisten an schlechte Straßen, dünn gesiedelte Schulen und Kitas und vielleicht noch an schlechtes Internet. So einfach lässt sich das aber nicht zusammenfassen. Die Straßen sind in gleichem Zustand wie in Bayern und auch das Straßennetz ist nach meinem persönlichen Empfinden in km pro Einwohner gerechnet vermutlich aufgrund der niedrigen Bevölkerungsdichte noch besser ausgebaut als anderswo. Auch Kitas sind vielleicht nicht mehr so dicht gesät wie zu DDR-Zeiten aber alles in allem ist die Infrastruktur auch in dieser Hinsicht passabel. Schlechter wird es dann schon, wenn man einen Blick auf den Breitband-Internet-Ausbau legt und richtig marode sind Dinge wie Stromleitungen, Wasser- und Abwasser-Systeme.

Gerade letzteres ist fast schon ein schlechter Witz. Beispielsweise gibt es in ganz Sellendorf kein zentrales Abwassersystem. Jedes Haus hat eine Sammel- oder Sickergrube, in der Abwasser gesammelt und dann über Tankwagen abgepumpt und weggefahren wird. So etwas gibt es im Rest von Deutschland durchaus für einzeln gelegene Häuser außerhalb geschlossener Ortschaften, aber für ganze Dörfer hab ich das erstmals hier kennengelernt. So haben auch wir im Garten zwei Auffanggruben für Abwässer (einmal privat, einmal Gaststätte), die regelmäßig abgepumpt und weggefahren werden. Die Gebührenordnung dafür ist allerdings fast noch sozialistisch: Die einzelne Leerung kostet uns nämlich gar nichts. Bezahlen müssen wir nur pro Kubikmeter. Es ist dabei unerheblich, ob der Tankwagen für 3, 5, 10 oder 20 Kubikmeter hergefahren kommt und die Grube leerpumpt. Die Logik dieser Kosten erschließt sich mir nur so: Der Unterhalt der Tankwagen-Flotte wird einfach von Amts wegen damit verrechnet, dass dafür keine Kanalisation gepflegt werden muss. Nur die eigentliche Abwasserentsorgung ist demnach für den Verbraucher kostenpflichtig. Soll uns nur Recht sein. Mit dem Unternehmen, das regelmäßig hier abpumpt, haben wir uns daher auch geeinigt, dass sie ohne Termin einfach mal vorbeikommen, wenn sie eh gerade in der Nähe sind und ihnen erklärt, wie sie die Gruben leerpumpen, auch wenn wir mal gerade nicht zu Hause sind – alles in allem sehr unkompliziert also.

Und wer diese Art der dezentralen Abwassersammlung innerhalb geschlossener Ortschaften für einen schlechten Witz hielt, der dürfte sich wahrscheinlich genauso wie wir an den Kopf fassen, bei dem, was uns das Amt letztens per Brief angekündigt wurde. Denn nicht nur die Abwasserentsorgung soll weiterhin dezentral stattfinden (=jeder sammelt seine Abwässer bei sich auf dem Grundstück in einer Grube) – jetzt soll die Frischwasserversorgung ebenfalls auf dieses System umgestellt werden. Jedes Grundstück soll also Frischwassertanks bekommen, die hin und wieder von Frischwasser-Tankwagen vollgepumpt werden. Die Wasserrohre im Boden werden dann komplett demontiert. Auch Wasseruhren und Verbrauchszähler sollen dann bald der Vergangenheit angehören, man bezahlt einfach direkt beim Tankwagen die entsprechende Menge Frischwasser, die man gern in den Tank gepumpt bekommen möchte.

Nun hat das Amt versprochen, dass das ganze nicht zu Mehrkosten für die Verbraucher führen soll. Ähnlich wie die Abwasserentsorgung auch, zahlen Verbraucher nur für das Frischwasser, die Lieferung selbst ist kostenlos, egal wieviel Kubikmeter man sich in die Tanks pumpen lässt. Was das Amt dabei aber unerwähnt lässt, ist, dass man die Frischwasser-Tanks und die Pumpen, um das Frischwasser von den Tanks in die Leitungen im Haus zu kriegen, selbst zahlen darf. Es hieß dann netterweise auch, dass „sozialverträgliche Lösungen für Härtefälle“ gefunden werden sollen. Im Klartext heißt das aber nur: Man bekommt einen Kredit vom Wasserwerk, mit dem man die Tanks bezahlen kann, wenn man selbst nicht genug Geld hat. Anschließend darf man dann den Kredit abstottern.

Ich hab dann mal im Internet recherchiert, was solche Frischwassertanks und Pumpenanlagen kosten und war alles andere als positiv überrascht. Abgesehen davon, dass wir aus rechtlichen Gründen schon wieder separate Tanks für Gaststätte und Privatbereich brauchen, kostet ein Tank allein (plus Pumpen und Rohre) schon rund 6.500 Euro. Da sind die ganzen Kosten für die Verlegung und Installation noch gar nicht mit einberechnet. So etwas nennt das Amt dann „keine Mehrkosten“.

Und als wäre das noch nicht genug kommt noch ein weiterer Aspekt dazu, den das Amt mit keiner Silbe erwähnte, über den man im Internet bei solchen Frischwassertanks aber viel fand: das Thema Hygiene. Wenn das Wasser darin im Sommer monatelang in der prallen Sonne steht, dann ist das, was nachher aus dem Wasserhahn kommt alles andere als frisches Trinkwasser. Selbst wenn man sich seine Frischwassertanks alle zwei Wochen auffüllen lässt, damit das Wasser nicht so lange steht – es bilden sich ja doch zig Keime in den Tanks. Im Bereich Campingzubehör etc. findet man im Internet entsprechende Tabletten, die man dem Wasser beigibt, die die Keime abtöten sollen. Aber mir widerstrebt es ganz erheblich, mein Frischwasser mit Chlor und Ähnlichem anzureichern, nur damit man sich damit noch bedenkenlos die Hände waschen kann. Ich hab daraufhin mit ein paar Leuten aus dem Dorf geredet, was die davon halten und war erneut vor den Kopf gestoßen von deren Ansichten. Denn hier sah man das Thema deutlich entspannter als ich und verstand nicht ganz, warum ich mich da so aufregte. Zum einen sei die Umstellung des Frischwasser-Systems ja schon seit fast zwei Jahren in der Diskussion und dass das irgendwann auch umgesetzt werden würde, war offenbar schon lange absehbar und ohnehin allen klar – nur eben mir nicht. Und was die chemischen Zusätze im Wasser anbelangt sah man das auch deutlich entspannter als ich. Aufgrund der langen Leitungen vom Wasserwerk bis nach Sellendorf und dadurch, dass Sellendorf mit seinen paar Einwohnern ohnehin wenig Wasser verbraucht, würden in die Rohre Richtung Sellendorf sowieso schon ab dem Wasserwerk entsprechende keimtötende Mittel beigefügt, damit das Wasser nicht schon belastet in Sellendorf ankommt. Es würde sich da also wenig ändern.

Unterm Strich weiß ich gar nicht was ich sagen soll. Unangenehm überrascht ist wirklich noch euphemistisch für diese Nachricht. Uns stehen nun Mehrkosten von etlichen 1000 Euro ins Haus und überdies die Erkenntnis, dass das Leitungswasser auch in der Vergangenheit alles andere als gesund war. In diesem Licht ist langsames Internet wirklich noch das kleinere Übel. Soweit das Neueste aus Sellendorf. Verzeiht, wenn es keine Bilder dazu gibt (außer dem Symbolbild), aber was soll ich da auch schon dazu packen? Eine Fotomontage, wie wir zukünftig im Garten schöne große neue Wassertanks haben. Mir graut schon genug vor der Vorstellung.

Wassertank

Solch einen Wassertank dürfen wir uns dann auch bald in den Garten stellen – oder besser gleich zwei

Nachtrag

Nachdem wir mit den Reaktionen bislang so unseren Spaß hatten hier mal eine Richtigstellung. Um es nochmal mit aller Deutlichkeit zu sagen: Dieser Beitrag erschien am ersten April. Alles was in diesem Beitrag zur Abwasser-Entsorgung geschrieben wurde STIMMT, alles was in diesem Beitrag zur künftigen Trinkwasserversorgung geschrieben wurde STIMMT NICHT. Wir haben uns aber sehr ehrlich über jede Art von Feedback gefreut (und amüsiert). Die Reaktionen reichten von „Tja, Pech gehabt!“ über „Das ist echt eine Sauerei“ bis hin zu Beileidsbekundungen und sogar juristischem Rat, was man denn nun tun muss, um dem Einhalt zu gebieten. Statistik (anhand des Feedbacks, das wir bekamen): 75% haben uns die Geschichte geglaubt, 10% waren sich nicht ganz sicher (Skepsis mit Tendenz zu nein) und 15% haben das sofort als Aprilscherz abgetan.

Übrigens haben wir in Sellendorf sogar ganz hervorragende Trinkwasserwerte. Auch ist es nicht Sellendorf, was von weiter weg das Trinkwasser herpumpen müsste, sondern – ganz im Gegenteil – das Trinkwasser wird von Sellendorf aus in alle umliegenden Orte gepumpt.

Die konkreten Werte für unser Sellendorfer Trinkwasser sind

ph-Wert 7,57
Härtegrad 3
° dH 17,00
Nitrat (mg/l) 0,50
Fluorid (mg/l) 0,05
Eisen (mg/l) 0,02
Mangan (mg/l) 0,01

Aufbereitet wird das Wasser hier in Sellendorf übrigens mit einfachem Filterkies/-sand. Also abgesehen davon, dass das Wasser etwas hart ist, sind das mit Abstand die besten Trinkwasserwerte im ganzen Versorgungsgebiet. Im Detail nachzulesen unter

http://www.tazv-luckau.de/media/kundeninformation_trinkwasser_2015_tazv_luckau.pdf

2 Kommentare zu “Kaltes Klares Wasser”

  1. Oh Gott :-( Bereut ihr’s langsam, da hingezogen zu sein? Gibt’s denn keine Beschwerdestelle für sowas, eine Anlaufstelle, bei der man mal berechtigte Bedenken vorbringen könnte? „Die“ wollen es doch sicher auch verhindern, dass sie irgendwann mal Klagen kriegen, weil jemand die Chemie im Wasser nicht vertragen hat (wobei, da dürfte die Prozessführung nicht einfach werden…)

  2. Verena schreibt: -#1

    Ich finde das ist wie zurückkehren ins äh vorletzte Jahrhundert. Und Chemikalien im Wasser sind wirklich schlecht. Meine Mutter hat da vor Jahren eine Chlorallergie davon bekommen, ratet mal wer nie mit ins Hallenbad gehen konnte. Dazu die unglaublich hohen Kosten und das ohnegleichen miese Aussehen! Ich hoffe für euch, dass das Projekt noch irgendein kluger Mensch der etwas von Hygiene versteht abbrechen kann und ihr stattdessen neue Leitungen bekommt. Da kann man nur raten Wasser einzukaufen, was aber natürlich nochmal mehr Kosten bedeutet :/

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